WGT 2014: Schwarze Sommerparty im Leipziger Hochofen

Das 23. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ist Geschichte! Rund 20.000 Gäste kamen über Pfingsten wieder in der Messestadt zusammen, um einen einzigartigen Karnival aus Musik, Kostümierungen, Kultur und Parties zu zelebrieren. Dabei kann gleich zu Beginn dieser kleinen Rückschau festgehalten werden, dass das WGT 2014 vor allem eines war: heiß!

wgt-2014-besucherinWas den meisten Menschen ein Segen sein würde, konnte sich dieser Tage für die Besucher des WGT schon mal als problematisch herausstellen. Denn eine Sonne, die uns gefühlte 40 Grad im Schatten bescherte, sorgte natürlich auch dafür, dass Mann und Frau unter aufwändigen und schweren Outfits sowie dicken Schichten von Make-Up und Schminke ordentlich schwitzte. Doch andererseits haben die Anhänger der schwarzen Szene auch schon so einige verregnete Festivals erfolgreich hinter sich gebracht. Insofern verlangsamte der sengende Feuerball die Prozesse etwas, hielt aber niemanden wirklich davon ab, ein einzigartiges Wave-Gotik-Treffen in bester Gesellschaft zu erleben.

Viktorianisches Picknick 2014 – Kostümhighlights auf dem WGT

Das Viktorianische Picknick ist für alle Steampunks, Romantiker und Reenacter seit jeher eine absolute Pflichtveranstaltung. Und auch dieses Jahr war der Andrang nicht zuletzt wegen des exzellenten Wetters wieder sehr groß. Neben den Gästen, die die Wiese im Clara-Zetkin-Park in ein Farbenmeer mit viel Bling-Bling und aufwändigen Accessoires tauchen, staksten auch viele Schaulustige und Fotomotiv-Jäger über die Fläche, um sich an den beeindrickenden Kostümen und ihren Trägern satt zu sehen. Die Zeit und die Akkus reichen selten, um alle Motive einzufangen; und diese wollen schließlich auch einmal ihre Ruhe haben und über das Picknick flanieren bzw. sich eine Erfrischung schmecken lassen. Hier ein paar fotografische Eindrücke.

Lantlôs – Altes Landratsamt

Eine für das WGT neue Band in einer für das WGT neuen Location: Gelungener Einstieg in die musikalischen Leckerbissen, die das Festival zu bieten hat. Das alte Landratsamt an sich ist als Location etwas gesichtslos, aber der Sound ist in Ordnung – und Lantlôs selbst beweisen eindrucksvoll, dass man nie vom Anzug auf den Herren schließen sollte. Die vier Jungs sehen geradezu unheimlich „normal“ und unschuldig aus. Ihr Blackgaze-Metal jedoch ist geprägt von atemberaubender Energie und Virtuosität, so dass der Autor dieses Artikels es sehr bedauert hat, dass die Band ihre Tonträger offenbar nicht zum Verkauf mitgebracht hatte oder verkaufen durfte.

Lacrimas Profundere – Kohlrabizirkus

Ein ewiges Ärgernis auf dem Wave-Gotik-Treffen ist und bleibt der Kohlrabizirkus. Wenn er in diesem Jahr auch ein willkommener Schatten- und Kühlespender war, so ist und bleibt die Akkustik in diesem Gebäude leider ein Alptraum. Das mag auch erklären, warum die Zuschauermengen zum WGT dort trotz hochkarätiger Bands stets ziemlich überschaubar bleiben.

Hier bilden in diesem Jahr auch die Bayern von Lacrimas Profundere keine Ausnahme. Doch wie das bei Profis so ist, lassen diese sich von geringen Zuschauermengen nicht irritieren und liefern trotz alledem ein solides und abwechslungsreiches Set Ihres Gothic-Rock/Metal-Repertoires ab.

Al Andaluz Project – Heidnisches Dorf

Von den harten Klängen in überdachter Atmosphäre ging es zurück zum Torhaus Dölitz, wo neben mittelalterlich-historischem Treiben, zahlreichen leckeren Speisen und Ständen auch viele größere und kleine Bands zum WGT aufspielen. Hier wird es nun weltmusikalisch-mittelalterlich, denn zu leicht fortgeschrittener Stunde gibt sich das Al Andaluz Project die Ehre. Die Band, bestehend aus Musikern der Münchner Größe Estampie und der spanischen Kombo L’Ham de Foc spielt anlässlich eines ihrer seltenden Auftritte ruhige, aber mitreißende Musik mit muslimischen, christlichen und jüdischen Wurzeln aus mittelalterlichen Zeiten. Ein besonderes klangliches Erlebnis, dass der geneigte Hörer nicht alle Tage genießen kann.

httpv://www.youtube.com/watch?v=f4dsapvwUUQ

Edo Notarloberti und Viviana Scarinci – Schauspielhaus Leipzig

Der italienische Violin-Virtuose, Dirigent und Komponist Edo Notarloberti ist seit einigen Jahren ein Dauergast auf dem Wave-Gotik-Treffen. Denn nur weil keine Band zwei Jahre hintereinander auf dem Festival auftreten soll, heißt das ja nicht, dass man nicht mit einer anderen Besetzung beziehungsweise einem ganz anderen Projekt auftreten könnte. Und so war Notarloberti in diesem Jahr nicht hinter der Geige, sondern hinter dem Dirigierstab zu sehen. Seine 4 Musiker und die Dame Scarinci präsentieren „Die Geschichte der Lilith“ – vorgetragen in italienischer Sprache und mit der Musik Notarlobertis untermalt. Und hier beginnnen bereits die Schwierigkeiten. Denn so virtuos die Musik einerseits und so interessant der text andererseits auch ist: Wer kein Italienisch versteht, ist gezwungen, den Text auf englisch auf der Beamerleinwand mitzulesen. Und wer das tut, kann leider die Musik nicht mehr genießen. Wer es hingegen nicht tut, den stört der Text ziemlisch schnell – denn Scarinci singt nicht, sondern liest „nur“ vor. Hier wurde in der Auswahl der einzelnen Zutaten sorgfältig auf Qualität geachtet – nur vertragen sich die Zutaten eben nicht sehr gut miteinander. Macht nichts – Edo bekommt nächstes Jahr bestimmt wieder die Gelegenheit. ;-)

Satyricon – Parkbühne

Der direkte Locationwechsel zurück ins Freie brachte auch erneut einen kompletten Stilwechsel mit sich. Denn das Norweger Duo Satyr und Frost, die seit den frühen Neunzigern unter dem Namen Satyricon firmieren, sind fast schon als lebende Legenden zu bezeichnen – und zwar in den Gefilden des Black Metal. Diese Band spielt regelmäßig als Headliner auf ausverkauften Metal-Festivals auf der gesamten Welt. Dennoch: Wenn einer der Herren oder ihre Live-Unterstützungsmusiker enttäuscht von den vergleichweise geringen Publikumsmassen sein sollte, lässt er sich hier davon nichts anmerken. Auch hinsichtlich der Playlist enttäuschen Satyricon nicht und sorgen bei ihren Fans mit Klassikern wie „The Pentagram Burns“, „Repined Bastard Nation“ und „Mother North“ für ordentlich Stimmung. Es ist sympthomatisch zu nennen, dass sich mit einsetzender Dunkelheit sowohl die Band als auch die Zuschauer zunehmend lösen und mehr und mehr Spaß an dem Auftritt zu haben scheinen.

Primordial – Heidnisches Dorf

Im Torhaus Dölitz geht es beim WGT jedes Jahr nicht nur mittelalterlich-besinnlich, sondern auch hart und heavy zu. Als Highlight aus dieser Sparte sind in diesem Jahr sicherlich die Iren von Primordial zu betrachten. Das WGT-erprobte Quintett aus der Nähe von Dublin, Irland bietet auch an diesem Abend wieder einmal alles auf und fackelt auf der Open-Air-Bühne eine besondere Art von Pagan-Metal ab. Denn obgleich den Jungs ein bisschen eingeborene Schwermut durchaus anzumerken ist, verstehen sie es hervorragend, das Publikum auch zu fortgeschrittener Stunde für sich einzunehmen, indem sie Songs wie „Sons of the Morrigan“ und andere Glanzstücke aus über 20 Jahren Bandgeschichte überzeugend zum Besten geben.

fetisch:Mensch – Parkbühne

Am letzten Tag des WGT stand dann gleich wieder die Parkbühne auf dem Programm, wenngleich zu ungleich ungünstigerer Zeit. Denn obwohl um 15:30 die meisten Langschläfer auch auf den Beinen sein dürften, so ist die Hitze kaum zu ertragen. Das bekommen auch Oswald Henke und seine Mitstreiter von fetisch:Mensch zu spüren. Die Parkbühne bietet kaum Schatten, und so brät das geneigte Auditorium unter der Sonne und komsumiert sicherlich mehr Getränke als gewöhnlich. Auch Spritzwasserduschen seitens des Security-Personals werden von dem sonst eher wasserscheuen Publikum begeistert aufgenommen. Trotz aller Hitze versteht es die Band aber dennoch, die Erwartungen der Zuschauer zu erfüllen und vor allem vielen Damen ein leicht verzücktes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ein fahl-dunkles Verlies wäre der Stimmung zwar zuträglicher gewesen, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Bloodsucking Zombies from Outer Space – Täubchenthal

Irgendwie klar, dass sich hinter diesem Namen nur Horrorpunk verbergen kann, oder? Das Täubchenthal ist an diesem letzten Abend des 23. Wave-Gotik-Treffen bis zum Bersten gefüllt, zumal vor den Zombies bereits Kitty in a Casket und Der Fluch die Bühne unsicher gemacht haben. Als nun schlussendlich die Bloodsucking Zombies from Outer Space die Bretter betreten, wird das Publikum umgehend in einen wilden Strudel feinster Splatter-Punkoper gesogen.  Wer die Titel nicht kennt, lernt spätestens jetzt, dass der „Monster Mutant Boogie“ in die Beine geht. Und adaptierte Klassiker wie „Poison“ von Alice Cooper kennt sowieso jeder, so dass es auch an reichlich Mitsingern nicht mangelt. Das Schlagzeug von Drummer und Sänger Dead Gein ist dabei in alter Zombie-Tradtion nicht im hinteren Teil der Bühne, sondern auf einer Linie mit den Bandkollegen postiert, denn sonst würde man ja auch das ganze aufwändige Make-Up nicht bewundern können. Insgesamt holen die Bloodsucking Zombies from Outer Space noch einmal alles aus ihren Fans heraus und bescheren denjenigen, die danach nicht noch die eine oder andere Abschlussparty heimsuchen, ein würdiges Ende des 23. WGT in Leipzig – auch wenn niemand so wirklich will, dass es zuende geht. Aber das nächste Pfingsten kommt bestimmt!


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